Löwenzahn

Mr. Washington war ein unverbesserlicher Rasenfetischist. Unsere beiden nebeneinander gelegenen Gärten boten schon deshalb auf den ersten Blick kein unbedingt harmonisches Bild. Jedes Jahr wurde Mr. Washington von einer Art Unkrautphobie befallen. Dann fing er an, in seiner Garage aus allen möglichen giftigen Substanzen seinen Unkrautvertilger zusammenzumixen, und  ich wußte, daß es bald Ärger geben würde.

           

                So erwischte ich ihn eines Morgens beim Besprühen meiner Löwenzahnblüten. „Ich dachte mir, sie hätten eigentlich nichts dagegen“, erklärte er in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete.

„Nichts dagegen! – Sie haben bloß meine Blumen umgebracht“, erwiderte ich mit verhaltenem Zorn.

„Blumen?“ schnaubte er verächtlich. „Das ist Unkraut!“ Dabei schaute er mit Empörung auf den Löwenzahn.

„Unkraut“, sagte ich , „das sind Pflanzen, die dort wachsen, wo man sie nicht haben will. Mit anderen Worten, das Auge des Betrachters entscheidet darüber, was Unkraut ist. Und was mich betrifft, so ist Löwenzahn kein Unkraut. Für mich sind das Blumen!“

„Pferdemist“, sagte er und kehrte mir den Rücken zu, um jede weitere Auseinandersetzung zu vermeiden.

                Es ist einfach so, daß ich Löwenzahn ganz besonders gern habe. Seine hübschen gelben Blüten verwandeln alljährlich meinen Vorgarten in ein gelbes Meer,  ohne daß ich auch nur etwas dafür tun müßte. Löwenzahn ist selbstgenügsam; er mischt sich nicht in meine Angelegenheiten, so wie auch ich ihn in Ruhe lasse. Seine jungen Blätter schmecken herrlich als Salat. Seine Blüten verleihen leichtem Wein ein feines Aroma und eine schöne Farbe. Aus den gerösteten und gemahlenen Wurzeln kann man einen schmackhaften Kaffee zubereiten. Mit den zartesten Blättchen kann man einen gesunden Tee aufbrühen. Die getrockneten ausgewachsenen Blätter enthalten reichlich Eisen, die Vitamine A und C und sind ein gutes Abführmittel. Uns schließlich werden die Löwenzahnblüten gern von Bienen aufgesucht, und das Ergebnis ist ein ausgezeichneter Honig.

                Löwenzahn gibt es schon seit etwa dreißig Millionen Jahren; er ist eine Art Fossil. Seine nächsten Verwandten sind Salat und Chicorée. Er gehört zu den perennierenden Pflanzen von der Gattung Taraxacum aus der Familie der Asteraceae. Er ist über ganz Europa, Asien und Nordamerika verbreitet, und zwar auf ganz natürliche Weise und ohne Beihilfe des Menschen. Außerdem ist er resistent gegen Krankheiten, Ungziefer, Hitze, Kälte, Wind, Regen und das Bemühen des Menschen, ihn auszurotten.

                Wäre der Löwenzahn eine  seltene und empfindsame Pflanze, dann würden die Leute  sich um ihn reißen und keine Kosten scheuen, um ein Pflänzchen zu erwerben. Sie würden ihn liebevoll in Treibhäusern ziehen und Löwenzahnvereine gründen. Aber er wächst überall und ganz von allein. Er braucht unsere Hilfe nicht und tut, was ihn gefällt. Deshalb bezeichnen wir ihn als „Unkraut“ und ermorden ihn bei jeder Gelegenheit.

                Aber für mich ist Löwenzahn eine Blume und, bei Gott, eine ganz besonders schöne Blume. Und ich fühle mich geehrte, ihn in meinem Vorgarten zu haben, denn ich möchte ihn dort haben. Und außerdem besitzt Löwenzahn, neben  all den guten Eigenschaften, auch magische Kräfte. Wenn sich der Samen gebildet habt, kann man ihn fortblasen, und wenn man ihn in die richtige Richtung bläst, dann fliegen all diese kleinen Fallschirme davon, und ein Wunsch geht in Erfüllung. Magie. Oder wenn man ein junges Mädchen liebt, dann kann man aus den Löwenzahnblüten einen Kranz binden, den man ihr aufs Haar legt.

                Mein Nachbar soll mir erst einmal in seinem Garten etwas zeigen, das sich mit meinem Löwenzahn vergleichen  läßt.

                Und wenn das alles noch nicht genügt, dann überlegen Sie einmal: Löwenzahnblüten gibt es umsonst. Niemand hat etwas dagegen, wenn Sie ihn pflücken. Sie dürfen so viel davon mitnehmen, wie Sie tragen können. Und das soll Unkraut sein?

(Quelle dieser Liebesgeschichte: Robert Fulghum und sein Buch: Alles, was Du wirklich wissen mußt, hast Du schon als Kind  gelernt)
 

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